Bus in Afghanistan

© Susan Zerwinsky 2003
Unterwegs in Afghanistan (2002 - 2007)

Lessing in Kabul

Deutsche Sprache, Literatur und Germanistik in Afghanistan.

München: Iudicium Verlag 2008, 245 S., Euro 26,00

Rezension von Birgit Weichmann im "DAAD Letter Literatur" Dezember 2008.


Lessing in Kabul

Rückkehr zur Normalitt

Das Titelbild des Buches zeigt das afghanische Nationaltheater in Kabul. Es ist eine Ruine und steht damit symbolhaft für die Lage im heutigen Afghanistan. Eine Ruine war es auch, welche Susan Zerwinsky zum Titel ihres Buches inspirierte: In einer ausgebombten Schule, in der im Winter 2003 in Kabul 6000 Gymnasiasten im Schichtsystem unterrichtet wurden, las sie den Namen des deutschen Dichters Gotthold Ephraim Lessing auf eine Tafel geschrieben. Neugierig gemacht, begab sie sich auf die Spurensuche nach den Beziehungen Afghanistans zur deutschen Kultur, Literatur und Sprache.

Seit Beginn der deutschen Afghanistanhilfe im Rahmen des "Stabilittspaktes Afghanistan" im Iahr 2002 verfolgte die Germanistin und Ethnologin Zerwinsky die deutsch-afghanischen Anstrengungen für ein modernes Bildungssystem. Sie selbst half in diesen Jahren als DAAD-Lektorin, die Germanistik an der Universitt Kabul wiederaufzubauen und leitete von 2005 bis 2007 das DAAD-Koordinierungsbüro im afghanischen Hochschulministerium.

In ihrem Buch versammelt sie Beitrge von 24 deutschen und afghanischen Wissenschaftlern, Pdagogen und Zeltzeugen. Sie geben einen spannenden überblick über Vergangenheit und Gegenwart der fast 100 Jahre whrenden deutsch-afghanischen Kulturbeziehungen. Mehrere Kapitel sind der Arbeit des DAAD. des Goethe-Instituts und der Deutschen Welle in Afghanistan gewidmet.

In persönlichen Erinnerungen und wissenschaftlichen Betrachtungen erklren die Autoren auch den hohen Stellenwert, den die deutsche Sprache und Kultur in dem kriegsgebeutelten Land heute hat - etwa als "Fenster zur Welt" oder ganz konkret für Zukunftschancen im Beruf. Für den Leser entsteht ein erfrischend anderes Bild von Afghanistan als das, welches in der aktuellen Berichterstattung derzeit Vorrang hat. Kultur- und Sprachbeziehungen, Bildungspofitik und ein Alltag mit Schule und Hochschule stehen inmitten des Terrors für eine zaghafte Rückkehr zur Normalitt.

Birgit Weichmann, Berlin