Bus in Afghanistan

© Susan Zerwinsky 2003
Unterwegs in Afghanistan (2002 - 2007)

Lessing in Kabul

Deutsche Sprache, Literatur und Germanistik in Afghanistan.

Leseprobe

Schule in Kabul, Lessing steht an der Tafel

"Kabul, Winter 2002/2003. Stadtauswrts qult sich das gelbe Taxi durch den dichten Morgenverkehr. Vorbei am rostigen Metallzaun des Zoologischen Gartens, von dem die Farbe lngst abgegangen ist. Vorbei am zerbombten Verkehrsministerium, dessen trostlose Reste einen Halbkreis um den Darulaman-Kreisverkehr bilden. Vorbei an rostigen Containern rechts und links der Straße, die findige Afghanen notdürftig zu Behelfslden und Werksttten umfunktioniert haben. Wohin das Auge sieht: Schuttberge, Lehmhaufen am Straßenrand, kahle Berge im Hintergrund. Graues, fahles Licht liegt über der Stadt. Ein trostloser Wintermorgen auf der Fahrt zur Universitt von Kabul. Das einzig Farbenfrohe sind die roten und grünen Eimer und Wasserkannen aus Plastik, die bündelweise vor den Containerlden hngen, die buntbemalten Busse, die an uns vorbei-knattern und hin und wieder ein Tupfer burqablau, der aus der Menschenmenge rechts und links der Straße aufleuchtet.

Langsam weichen die Huserreste und Schuttberge. Der Blick öffnet sich auf ein weitlufiges, eingezumtes Areal. In der Ferne ducken sich einzelne Gebude unter dem Schutz eines Pinienwldchens: der Universittscampus. Doch bevor das Taxi abbiegt, um dem Zaun bis zum Haupteingang zu folgen, lasse ich den Fahrer anhalten. In einigem Abstand zur Straße steht ein einstmals majesttischer Bau. Lediglich die Außenmauern und Teile des Daches ließ der Krieg unversehrt. Ich starre in nackte, scheibenlose Fensterlöcher und kann durch die Gebudereste hindurch im Hintergrund die Berge sehen. Unglubig lese ich High School über dem Portal und ahne, dass dies keine skurrile Kulisse eines Kriegsfilmes, keine Requisite ist. Ein alter Mann kommt mir freundlich winkend entgegen. Ob ich mir die Schule ansehen wolle? Und ob ich will. Obwohl ja leider die Kinder in den Winterferien seien. Aber bitteschön, treten Sie doch nher!

Schule in Kabul, Lessing steht an der Tafel

Ich folge dem Hausmeister, der mir bereitwillig das zeigt, was einmal eine Schule war. Auf den Resten einer gelnderlosen Außentreppe klettern wir in den ersten Stock. Wir müssen an Bombenkratern vorbeibalancieren und es wre ein Leichtes, von dieser schmalen Brüstung hinunter zu fallen. Durch ein Loch in der Außenmauer betreten wir eines der "Klassenzimmer". Gespenstisch diese riesigen Löcher, die die Bomben und Granaten in die Wnde schlugen. Weit kann man hier über die schneebedeckte Stadt sehen. Ungehindert pfeift der eiskalte Wind durch die stehengebliebenen Reste des Gebudes. Notdürftig sind einzelne Rume mittels UNHCR-Planen abgeteilt. Ein paar alte Bnke, eine schief an die Mauer genagelte Tafel – mehr ist nicht vorhanden. Der Hausmeister erklrt, dass mit Beginn des neuen Schuljahres 6000 Gymnasiasten im Zweischichtbetrieb an diesem beklemmenden Ort unterrichtet werden. Sehr nachdenklich folge ich ihm, als wir durch ein Einschussloch klettern, um auf einer knappen Brüstung zu einem zweiten "Klassenzimmer" zu gelangen. Verblüfft bleibe ich stehen: Hier, in dem Nichts einer ausgebombten Schulruine, überbleibsel einer letzten Schulstunde, steht auf der Tafel in geschwungener Schreibschrift der Name eines großen deutschen Aufklrers: Gotthold Ephraim Lessing!

Diese Szene hat sich mir in ihrer hoffnungsvollen Eindrücklichkeit eingeprgt und durch meine Jahre in Afghanistan begleitet. Lessing in Kabul? In diesem Land, wo es an allem Wesentlichen mangelt, werden Gymnasiasten in einer Schulruine mit der Ringparabel vertraut gemacht? Die Lehre von der Toleranz in einem Land, das sich in unserer westlichen Wahrnehmung aus stereotypisierten Bildern kmpfender Brtiger, fanatisierter Taliban und unterdrückter Frauen zusammensetzt? Emilia Galotti am Hindukusch? Ich wurde neugierig. Meine in Deutschland erworbenen Afghanistanbilder passten nicht mehr zu diesem neu gewonnenen Eindruck.

Auszug aus: Zerwinsky, Susan: "Lessing in Kabul - Einführung", in: Susan Zerwinsky (Hrsg.): Lessing in Kabul. Deutsche Sprache, Literatur und Germanistik in Afghanistan. München: Iudicium, 2008, S. 8f.