Wir warten auf Peugeot

Peugeot e-208

„Wir brauchen nach unserer Rückkehr aus Brasilien ein neues Auto“ eröffnet mein Mann Tom im September vergangenen Jahres in Rio de Janeiro das Gespräch am sonntäglichen Frühstückstisch. „Ja, klar, brauchen wir ein neues Auto!“ Ich stimme zu und beiße dabei hungrig in mein Brot. „Was hältst du von einem E-Auto?“ Ich verschlucke mich an meinem Bissen, huste und spüle den Brotbrei mit Kaffee hinunter. „Ein Elektroauto? Tatsächlich? Das ist neu und innovativ, richtig?“ Toms Augen glänzen. Er nickt. Seit ich Tom kenne, ist er von technischen Innovationen fasziniert. Ich strahle meinen Mann an. „Wie zukunftsweisend! Lass uns ein E-Auto kaufen!“ Gesagt. Getan.

Tom beginnt, das Angebot auf dem Markt zu prüfen. Er abonniert reihenweise Podcasts zur E-Mobilität, sieht sich Youtube-Filme von Analysten der E-Szene an, vergleicht Typen, Modelle und Preise. Einige Wochen später, es ist bereits Oktober, präsentiert Tom seine Rechercheergebnisse. „Lass‘ uns den neuen Peugeot e-208 kaufen!“

Mit französischen Automarken verbinde ich einen Strauß nostalgischer Erinnerungen. In meinem Gedächtnis gespeichert sind Fahrten zu unbeschwerten Kindheitssommern an die französische Atlantikküste in den 1970er Jahren gespeichert. Meine Schwester und ich kichernd saßen damals beide auf der Rückbank des froschgrünen elterlichen Citroën DS 21 Pallas. Auch an meinen Aufbruch aus dem Elternhaus in der süddeutschen Provinz in mein Berliner Studentenleben in den späten 1980er Jahren bleibt unvergessen. Damals lieh mir meine Schwester ihre bordeauxrote Charleston-Ente Citroën 2 CV, die vollbepackt, kaum die Steigungen der A7 in den Kasseler Bergen schaffte. Unvergessen unsere gemeinsamen Auslandsjahre in Kairo mit unserem damaligen Peugeot 206 in den 2010er Jahren. Ausflüge zu Dritt mit Kleinkind in der Babyschale auf der Rückbank ans Rote Meer, zu den Pyramiden in Gizeh oder hinauf zum Al-Azhar-Park, um bei einem Spaziergang hoch über Kairo den atemberaubenden Sonnenuntergang über der Nilmetropole zu genießen. Und jetzt erneut ein Peugeot? Ich bin sofort überzeugt.

Am 8. Oktober 2019 bestellt Tom unseren Peugeot e-208 in der GT Version bei PSA in Faro-Gelb mit lichtdurchlässigem Dach zum unverbindlichen Liefertermin Mai 2020. Der zweite Halbsatz schiebt sich damals in seiner ganzen Tragweite und Bedeutung weit in den Hintergrund unseres Bewusstseins. Sechs Monate Wartezeit? Geschenkt. Im Vordergrund steht der monetäre Kraftakt für diesen Kauf. Ich muss mehrmals schlucken. Wann hatte je eine Anschaffung in meinem Leben knappe 37.000 EUR gekostet? Ein Araberhengst? Fehlanzeige. Eine Hallberg-Rassy? Hätten wir gern. Die Rückzahlung meines BaFöGs? Habe ich verdrängt. Meine Auslandsreisen? Kosteten jede für sich einen Bruchteil dessen. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass technische Innovation nun einmal ihren Preis hat und verdränge das Thema Finanzen schnell wieder. Es tröstet mich der ungewöhnlich aufregende Gedanken, in wenigen Monaten einen Faro-gelben E-Flitzer zu besitzen. Darüber hinaus öffnete dieser Autokauf ungeahnte europäische Dimensionen! Mit unserem gut portugiesisch sprechenden Grundschulkind lesen wir begeistert alle erhältlichen Informationen über die Hafenstadt Faro in der Region Algarve in Portugal und nahmen uns fest vor, dieser Namensgeberin der Farbe unseres sonnengelben fahrbaren E-Untersatzes alsbald einen Besuch abzustatten.

Zum Jahreswechsel ziehen wir von Brasilien nach Deutschland zurück. Unser netter neuer Hausmeister begrüßt uns freundlich, überreicht uns den Wohnungsschlüssel und präsentiert beeindruckt den Stromanschluss im Carport des Wohnhauses, um dessen Einbau wir den Vermieter in weiser Voraussicht vor Mietbeginn gebeten hatten. Der PSA-Händler unseres Vertrauens kann Anfang Januar leider immer noch kein konkreteres Lieferdatum nennen. Tom mietet deshalb bei Next move in Arnstadt einen Nissan Leaf für sagenhafte 16,00 EUR pro Tag, um die weiteren Wochen des Wartens zu überbrücken. Ein Juice-Booster ist bereits angeschafft und unser erster Familienausflug kann kommen. Von dieser ersten Fahrt mit dem E-Leihwagen bleibt ein prägender Eindruck: Es ist still in einem E-Auto-Innenraum! Die einzig vernehmbaren Geräusche sind das feine Surren der Reifen auf dem Asphalt und der Sog des Fahrtwindes! Ich bin restlos begeistert und sofort überzeugt, dass ich nie wieder ein herkömmliches Verbrennerfahrzeug fahren werde.

Während wir auf Peugeot warten, beschäftigen uns die beträchtlichen Vorbehalte in unserem Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis. „Ist es nicht noch viel zu früh, ein E-Auto zu kaufen? Es gibt doch erst so wenige Ladensäulen?“ lautet eine der gängigen Fragen, die uns in den Wochen des Wartens aus dem Kreis unserer Familie gestellt werden. „Die Reichweite eures künftigen Autos ist doch so gering! Wie wollt ihr denn damit von A nach B kommen?“ fragen uns unsere besorgten Verwandten. „Ich habe gelesen, dass im Falle, dass tatsächlich 1 Mio. E-Autos zugelassen würden, abends gegen 18.00 Uhr, wenn alle Berufstätigen heimkehren und ihre Autos ans Netz gingen, das europäische Stromnetz zusammenbrechen würde! Stellt euch das nur vor!“ weiß ein Onkel meines Mannes und sieht uns dabei stirnrunzelnd und mit besorgtem Blick an. „Habt ihr berücksichtigt, dass die Batterien an sich gefährlich sind, schnell in Flammen -aufgehen und maximal zwei Jahre halten und anschließend teuer entsorgt werden müssen?“ will ein besorgter Freund von uns wissen.

Tom kontert mit Unfallstatistiken, die belegen, dass weit mehr Verbrennermotoren in Brand geraten als E-Akkus und bei sorgfältigem Laden den Batterien eine langjährige Verweildauer in unserem Auto prognostiziert wird. „Aber ihr seid euch doch bewusst, dass für eurer Auto Kinder im Kongo in Kobalt-Mienen schürfen müssen und den chilenischen Indios auf 4.000 Meter Höhe in der der Atacama-Wüste das Grundwasser sinkt, weil dort das seltene Lithium-Karbonat durch Verdunstung dem Boden entnommen wird?“ wirft eine besorgte Freundin an und führt außerdem das Umweltschutz-Argument an, von dem wir oft lesen und hören. „Nun“ entgegnet Tom, „mir ist schon bewusst, dass es weltweit Kinderarbeit gibt und meinetwegen auch Grundwassermangel in der Atacama-Wüste. Aber da Chile das einzige Land der Welt ist, dessen Grundwasservorräte und die Bewirtschaftung des Wassers privatisiert wurde, würde ich eher an dieser Stellschraube drehen. Darüber hinaus benötigen auch alle Mobiltelefone und alle Computer und Laptops Lithiumkarbonat zur Herstellung von Lithium-Ionen-Akkus. Wie willst du diesem hohen Bedarf auf alternativem Wege begegnen? Deinem Argument, Elektroautos seien nicht umweltfreundlich, kann ich in Teilen verstehen. Solange wir Strom aus Atomstromkraftwerken verwenden, ist das in der Tat ein Aspekt, der die positive Umweltbilanz verzerrt. Speisen wir allerdings Strom aus alternativen Stromquellen in die E-Autos ein, lässt sich durchaus eine positive Stromenergiebilanz ziehen.“ Tom und unsere Freundin argumentieren sich richtig in Fahrt, kommen aber zum Ende der Diskussion auf den gleichen Stand: Es gibt unzählige Studien für und gegen E-Mobilität. Und je nach Sympathie und Stärke der Argumente beteiligter Automobil-Lobbyisten und politisch engagierter und wortgewaltiger Comedians bewegt sich die Autofahrerseele der Deutschen derzeit mal in die eine, mal in die andere Richtung. Tom beschließt die spannende Diskussion mit unserer Freundin an diesem Abend mit seinem Fazit: „Ich denke, dass in Deutschland gezielt und bewusst die E-Mobilität verzögert wird, damit die Automobilindustrie Zeit gewinnt“.

Doch bevor wir uns zu einem anderen Zeitpunkt erneut treffen und dieses spannende Thema vertiefen können, kommt ein kleines Virus und verändert die Welt.

PSA Deutschland geht in Kurzarbeit. Die Produktion unseres bestellten Autos in einem Werk in der Slowakei wird auf unbestimmte Zeit eingestellt. Wir trösteten uns damit, dass unser neues Auto nun wahrhaftig nicht systemrelevant ist und freuen uns über das Entgegenkommen von „Next Move“. Der E-Autovermieter verlängert kulanterweise die verträgliche monatliche Mietpauschale unseres Überbrückungs-Nissans. Es wird Mai. Wir warten. Im Juni fährt das Werk in der Slowakei die Produktion wieder hoch. Wir warten weiter. Die Pandemie hält die Welt in Atem. Ende Juni liest Tom auf der französischsprachigen Homepage von PSA France, dass es nach wochenlangen Lieferschwierigkeiten für den in Deutschland üblichen 3-Phasen-Lader nun weitergehen kann, da diese Spezialität für den deutschen Markt nun endlich lieferbar ist. Geduldig warten wir weiter. Unser PSA-Händler ist in Kurzarbeit und schwer erreichbar. Endlich, Mitte Juli, erhalten wir die erlösende Botschaft. Das Auto stehe kurz vor der Fertigstellung und spätestens Mitte August könnten wir mit der Auslieferung rechnen. Am 10. August ist es soweit. Nach 10 Monaten langem Warten kommt Tom strahlend in unserem Faro-gelben Neuwagen angefahren. Tom begrüßt mich zufrieden grinsend aus dem offenen Fenster auf der Fahrerseite mit den Worten: „Nicht einmal auf unsere Tochter musste ich so lange warten!“

Unsere allererste Familienrundfahrt führt zu einem farblich passenden Sonnenblumenfeld am Stadtrand. Grinsend stehen wir im Sommerlicht vor unserem neuen Peugeot e-208. Die Blumen wiegen sich hinter dem Fahrzeug malerisch im Sommerwind. Wir sind glücklich! Obwohl das Reiseziel Faro in diesem außergewöhnlichen Corona-Sommern nun erst einmal warten muss.

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